Verdammt sexy. Die Mediengestalter in der Krise.

Draußen in Mitte hämmern die Presslufthammer. Inmitten des Lärms, im Konferenzraum der PR-Agentur MellePufe stellt Timothy Speed sein Buch „Verdammt Sexy – Die Mediengestalter in der Krise“ vor. Speed ist Jahrgang 1973, Webdesigner und heißt wirklich so. Der gebürtige Brite wuchs in Wien auf, lebt seit einigen Jahren in Berlin und bastelt hübsche bunte Flashcomix und Onlinespiele. Seine Karriere begann er als Leichenfotograf am Krankenhaus – was ihn in gewisser Weise dazu prädestiniert, jetzt ein Buch über die New Economy zu schreiben. Das Buch ist ein Schnellschuss und versteht sich als Beitrag zur aktuellen Debatte um die vermeintliche Krise der Werbung. Es ist bislang nur als Book on Demand übers Internet zu bestellen. „Mit einem richtigen Verlag hätte es zwei Jahre gedauert, und so lange konnte ich nicht warten“, sagt Speed. Speeds Ansatz ist auf Anhieb sympathisch, weil er die eigene Verstricktheit ins System der Werbung unumwunden zugibt. Die Krise der Werbung ist demnach eher eine Identitätskrise ihrer Macher. Die Institutionalisierung und Professionalisierung von Kreativität führe dazu, dass die Menschen hinter den Produkten nicht mehr erkennbar seien. Im Spannungsfeld von Informationsoverkill, Arbeitsdruck und Kundenwünschen werden sie zu bloßen Vollzugsbeamten degradiert.

Was Speed beklagt, ist die subtile Gleichschaltung der „Kreativen“ im Prozess der Arbeitsteilung, in dem alle originellen Ideen auf Linie gebracht würden. Er illustriert den schizophrenen Zustand an einem Beispiel aus der eigenen Praxis als Spieldesigner: „Ein Spiel für eine Bank zu machen, ist schwierig, weil es der Corporate Identity der Bank entsprechen muss. Also wird es ein langweiliges Spiel, obwohl die Manager selbst am liebsten Moorhuhn spielen.“

Auch im Internet, das ehedem als Experimentierfeld für Trashiges und Abseitiges galt, halte Nivellierung Einzug, weil Subkultur durch die großen Web-Portale ausgebremst würden, die sich gegenseitig die Surfer zuschaufelten: „Ein Sprayer aus Berlin findet mehr öffentliche Beachtung als ein Webdesigner aus der Subkultur“, so die steile These. Das im Buch zitierte Credo eines Content-Managers, Web-Inhalte für Großkunden müssten „net t, ohne Sex und unpolitisch sein, also großmutter- und kindertauglich“, kommentiert Speed mit: „Also die konservativste Kacke, die man sich vorstellen kann.“

Was sich hier entlädt, ist der Frust in einer Branche, die – verschärft durch die Krise der New Economy – dazu verdammt ist, stets etwas völlig Neues zu erfinden und gleichzeitig nicht vom Altbewährten abzuweichen. Es muss sexy sein, aber bitte schön ohne jeden Sex. Auch der Buchtitel bekommt so eine doppelte Bedeutung: Verdammt Sexy = Verdammt zum Sexy- sein. Und dabei noch zur ständigen guten Laune: „Wenn also die New Economy den Spaß an der Arbeit verordnet, dann ist das alles andere als lustig. Es stellt einen eklatanten Eingriff in die Persönlichkeitsrechte der Mitarbeiter dar. Nämlich in das Recht, die Arbeit nicht immer spannend, witzig, aufregend und unterhaltsam zu finden, aber sie dennoch zu tun.“

Speeds resigniertes und leicht obskures Fazit lautet: „Tatsächlich glaube ich nicht, dass die Zukunft der Werbung im Internet liegt, sondern eher in Äthiopien.“ Gemeint ist wohl: Dort, wo die Presslufthammer der Bewusstseinsindustrie noch nicht alles eingeebnet haben.

Preis:
Ausführung:
163 Seiten
Verlag:
BoD, Norderstedt
ISBN:
978-3831121090
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