Crafting Apps: Was die kostenlosen Adobe-Alternativen bislang leisten
Einfach mal Photoshop, Illustrator, Premiere und Co. nachbauen – und dann kostenlos nutzen? ArtCraft verfolgt genau diese Idee und sorgt derzeit mithilfe von KI entwickelten Alternativen zu Adobe-Klassikern für Aufsehen. Erste Tests und Reaktionen aus der Kreativszene im Überblick.

Photoshop, Illustrator oder Premiere ohne laufendes Software-Abo: Mit dieser Aussicht verbreiten sich die Programme von ArtCraft derzeit über Videos, Fachmedien und soziale Netzwerke. Dahinter steht eine Softwarefamilie mit eigenständigen Anwendungen, die bekannte Werkzeuge und Bedienkonzepte nachbilden.
Was sind die Crafting Apps?
Das Projekt geht auf den Softwareentwickler Brandon Thomas zurück, der sich auf GitHub auch als Filmemacher und Gründer von ArtCraft bezeichnet. Die Crafting Apps entstanden mithilfe von Claude Code, dem KI-Programmierwerkzeug von Anthropic.
Für den »Nachbau« dienen die Bedienkonzepte und Funktionen der Originalprogramme als Vorbilder. Claude Code hilft dabei, auf Grundlage öffentlich zugänglicher Dokumentationen, Formatspezifikationen und beobachteten Programmverhaltens neuen Code in Rust zu entwickeln. Quellcode und Grafikressourcen der Originalprogramme werden nach Angaben des Projekts dabei nicht übernommen. Diesen Ansatz beschreibt ArtCraft als sogenannte »Clean-room«-Nachimplementierung. Die PhotoCraft-Dokumentation nennt dafür unter anderem öffentliche Formatbeschreibungen und wissenschaftliche Veröffentlichungen als Grundlagen.
Die verschiedenen Anwendungen bieten vertraute Menüs, Tastenkürzel und Bedienoberflächen. Der Quellcode ist zudem öffentlich zugänglich. ArtCraft beschreibt die Programme als eigenständige, in Rust entwickelte Nachimplementierungen. Die Bezeichnung „Adobe-Klon“, die in vielen Beiträgen und Postings auftaucht, beschreibt die erkennbare Orientierung am Vorbild. Sie belegt allerdings keine gleichwertige Umsetzung aller Funktionen. Die PhotoCraft-Dokumentation bezeichnet den Bildeditor ausdrücklich als frühe Alpha und noch nicht als Ersatz für die tägliche professionelle Arbeit. Genannt werden unter anderem Lücken bei generativen Funktionen, Typografie, professionellen Arbeitsabläufen und Plug-Ins.
Welche Programme gehören dazu?
Zum derzeitigen Stand führt die offizielle Website bereits 13 »Crafting Apps« auf. Sieben davon orientieren sich an bekannte Adobe-Anwendungen:
| Crafting App | Bereich | Bekanntes Vorbild |
|---|---|---|
| PhotoCraft | Bildbearbeitung | Photoshop |
| VectorCraft | Vektorgrafik | Illustrator |
| FilmCraft | Videoschnitt | Premiere Pro |
| LightCraft | Fotoverwaltung und RAW-Entwicklung | Lightroom |
| PdfCraft | PDF-Bearbeitung | Acrobat |
| EffectCraft | Motion Design und Compositing | After Effects |
| DesignCraft | Layout und Publishing | InDesign |

Hinzu kommen FigCraft für Interface-Design, WordCraft für Textverarbeitung, SoundCraft für Audio, DeckCraft für Präsentationen, CADCraft für technische Zeichnungen und GridCraft für Tabellenkalkulation sowie PdfCraft als PDF-Programm. Installationsdateien werden für macOS, Windows und Linux angeboten. Für zahlreiche Apps gibt es außerdem WebAssembly-Fassungen.
Kostenlose Apps und kostenpflichtige KI
Unter dem Namen ArtCraft laufen zwei Angebote, die leicht verwechselt werden können: die kostenlosen Crafting Apps und ein Studio für KI-Bilder und -Videos. Letzteres verbindet einen 2D-Arbeitsbereich und die Inszenierung von 3D-Szenen mit generativen Modellen.
Für diese Generierungsdienste bietet ArtCraft Abonnements und Credits an. Die klassischen Desktop-Werkzeuge werden dagegen als kostenlos und lokal arbeitend beschrieben. Aus einer kostenlosen App folgt somit nicht, dass jede über die Marke angebotene KI-Leistung ebenfalls kostenlos ist. Ebenso bedeutet „mit KI entwickelt“ nicht, dass jeder Pinselstrich oder jeder Videoschnitt generativ erzeugt wird.

Wie YouTube auf die Crafting Apps reagiert
Das Video „Someone Just Rebuilt Adobe for Free, and Claude Can Run Them All (7 apps tested)“ von Jay E / RoboNuggets verbindet einen ersten Rundgang mit der Frage, ob Claude die Anwendungen bedienen kann. Dieser Aspekt ist tatsächlich vorgesehen: PhotoCraft dokumentiert neben seiner Oberfläche eine Kommandozeile sowie eine JSON- und MCP-Schnittstelle für KI-Agenten. Damit können Arbeitsschritte prinzipiell automatisiert werden. Welche Resultate im jeweiligen Gestaltungsprozess entstehen, bleibt eine eigene Frage.
Ein Video „Welches ist denn jetzt das original? Artcraft versus Microsoft Word“ vom Kanal Raspberry Pi Cloud legt seinen Schwerpunkt auf dem Word-Vergleich und damit auf der Erweiterung über Adobe hinaus. Es ist entsprechend kein Test der fotografischen oder gestalterischen Qualität von PhotoCraft und LightCraft.
Rough Cut Pete macht in seinem Video „Adobe Charged Him to Cancel. So He Rebuilt Adobe.“ den Ärger über Kündigungsgebühren zum Ausgangspunkt. Es geht unter anderem um Adobes Geschäftsmodell, Wettbewerber und mögliche Reaktionen auf das Projekt. Bei aller Zuspitzung fällt die Empfehlung für die Nutzung im Kreativalltag zunächst jedoch vorsichtig aus: Pete bezeichnet die Programme als frühe Alpha und rät dazu, Sicherungskopien anzulegen und sich bei termingebundenen Kundenprojekten noch nicht auf sie zu verlassen. Die Erzählung vom schnellen Adobe-Nachbau geht damit auch hier mit Vorbehalten zur Produktionsreife einher.
Louis Rossmann widmet sich in seinem Video möglichen rechtlichen Folgen solcher Software-Nachbauten. In seinem verlinkten Begleittext erwartet er, dass Softwareunternehmen bei »Vibe Coding« auf neue gesetzliche Beschränkungen drängen könnten. Er verbindet diese Prognose mit seiner Forderung nach einer Reform der US-Regeln zur Umgehung digitaler Schutzmaßnahmen.

Was bisherige Praxistests zeigen
Joe Foley hat für Creative Bloq LightCraft, PhotoCraft und FilmCraft mit Aufnahmen einer Canon EOS R5 auf einem Windows-PC ausprobiert. Das Ergebnis: In LightCraft funktionierten grundlegende Belichtungs-, Farb- und Gradationskorrekturen. Foley bemängelte zudem fehlende kamerabezogene Farb- und Objektivprofile, deutliche Schärfungsartefakte und unzuverlässige Masken. PhotoCraft konnte seine PSD-Dateien zwar öffnen und speichern – automatische Auswahl, Reparatur und inhaltsbasierte Bearbeitung überzeugten ihn jedoch weniger als die Adobe-Werkzeuge. Filtervorschauen funktionierten bislang in seinem Test nicht. Bei FilmCraft musste er sein vorliegendes Material zunächst konvertieren. Anschließend waren grundlegende Schnittarbeiten und Übergänge möglich, die Bearbeitung in 4K blieb jedoch langsam. Der Bericht beschreibt damit konkrete Grenzen eines getesteten Stands, keinen allgemeinen Nachweis über sämtliche aktuellen Builds.
Steve Paris testete PhotoCraft und FilmCraft für TechRadar auf einem Intel-MacBook-Pro. Der Bericht lobt unter anderem den unkomplizierten Einstieg und beschreibt funktionierende Bildkorrekturen, Ebenen und Texte. Gleichzeitig berichtet Paris von langsamen Reaktionen und Auswahlproblemen. Bei FilmCraft gelangen Import und Aufbau einer Sequenz; das Ziehen einer Clipkante zum Trimmen funktionierte bei ihm nicht, die Tonwiedergabe erzeugte Störgeräusche. Die Beobachtungen beziehen sich auf die damaligen frühen Versionen.
Joey Sneddon hat für OMG! Ubuntu PhotoCraft 0.3.0 als AppImage unter Linux ausprobiert. Sein Beitrag beschreibt einen sehr schnellen Start und eine reaktionsfreudige Oberfläche auf einem Chuwi-Notebook mit Intel Core m3-8100Y. Nach dem Öffnen einer PSD-Datei stieg der Arbeitsspeicherbedarf laut seinem Bericht allerdings innerhalb weniger Minuten auf rund fünf Gigabyte. Sneddon erkennt die große Nähe zur Photoshop-Oberfläche an, sieht bei fehlenden Funktionen und abweichenden Ergebnissen aber weiterhin Hürden für professionelle Arbeitsabläufe. Auch dieser Bericht bezieht sich auf eine frühe Version.
Im Entwicklerforum Ziggit schilderte der Nutzer „nour“ einen PhotoCraft-Test. Er prüfte eine Leinwand mit 3.840 × 2.100 Pixeln, einer Ebene und einem großen Rundpinsel. Nach einem positiven ersten Eindruck von Start und Oberfläche beschreibt er Verzögerungen bis zum Einfrieren beim Malen.

Was sich bislang einordnen lässt
ArtCraft stellt eine bemerkenswert breite Sammlung kostenloser Werkzeuge zur Verfügung. Das Interesse an vertrauter Bedienung, lokalem Arbeiten und offenen Schnittstellen ist nachvollziehbar. Die veröffentlichten Tests zeigen zugleich, wie viel zwischen vorhandenen Werkzeugen und ausgereiften Produktionsabläufen liegt.
Für einzelne Aufgaben und Experimente können die frühen Anwendungen bereits interessant sein. Eine konkrete Aussage, dass sie etablierte Kreativsoftware insgesamt ersetzen, tragen die bisherigen Erfahrungen der Anwenderinnen und Anwender im Netz jedoch nicht. Dafür fehlen bislang langfristige, versionsbezogene Tests mit unterschiedlichen Projektdateien und vollständigen Arbeitsabläufen. Der aktuelle Erkenntnisstand spricht vor allem für ein Projekt, dessen weitere Entwicklung im Auge zu behalten ist.
Auch rechtlich wirft die Nähe zu Adobe und Microsoft Fragen auf. Ein Funktionsnachbau ist jedoch nicht automatisch eine Urheberrechtsverletzung: Nach der Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs sind die Funktionen eines Computerprogramms als solche nicht urheberrechtlich geschützt. Geschützt sein können dagegen der konkrete Programmcode und – bei entsprechender gestalterischer Eigenständigkeit – grafische Benutzeroberflächen, Icons oder Texte. Hinzu kommen gegebenenfalls Markenrechte. Adobe beschränkt in seinen Nutzungsbedingungen das Reverse Engineering und erfasst dabei ausdrücklich die Beobachtung von Ein- und Ausgaben zur Nachbildung seiner Programme. Solchen Vertragsklauseln können ggf. gesetzliche Regelungen entgegenstehen. Ob einzelne ArtCraft-Anwendungen Rechte verletzen, hängt neben der eigentlichen Umsetzung auch vom jeweils anwendbaren Recht ab.
Downloads, Entwicklungsstände und Quellcode finden sich über die offizielle ArtCraft-Übersicht.


