Vom Raum zum Layout: Wie Interieur-Stile das Grafikdesign beeinflussen

Gestaltung endet nicht am Bildschirmrand. Oft existieren Layouts, Logos und Poster in einem räumlichen Kontext – sei es im Branding für einen Shop, als Art Print an der Wand oder als Teil einer visuellen Identität, die eine bestimmte Atmosphäre transportieren soll. Ein Blick in die Innenarchitektur hilft, Farbpaletten und Formsprachen besser zu verstehen und gezielt einzusetzen.

Interieur meets Grafikdesign

Wer Grafikdesign ganzheitlich betrachtet, stellt fest: Trends wie Bauhaus oder Memphis waren nie reine Disziplinen-Phänomene. Sie durchdrangen Architektur, Produktdesign und Printmedien gleichermaßen. Das Verständnis für aktuelle Wohnstile ermöglicht es Kreativen, Arbeiten zu schaffen, die sich nahtlos in moderne Lebenswelten einfügen oder gezielt mit ihnen brechen.

Hier eine kompakte Analyse fünf prägnanter Interieur-Stile und deren Übersetzung in grafische Elemente.

Japandi Stil: Die Ästhetik der Ruhe

Der Japandi-Stil verbindet die funktionale Schlichtheit des skandinavischen Designs mit der rustikalen Minimalismus-Philosophie Japans (Wabi-Sabi). Im Raum dominieren daher helle Hölzer, niedrige Möbel, organische Formen und eine reduzierte Deko.

Japandi Interieur Design

Der Transfer ins Grafikdesign:

  • Farben: Die Palette setzt auf warme Neutraltöne. Statt hartem Reinweiß kommen Creme, Hafer, Stein-Grau oder Terrakotta zum Einsatz. Schwarze Akzente dienen lediglich als Kontrast.
  • Typografie: Eine Kombination aus feinen Serifenschriften (für Eleganz) und cleanen, geometrischen Sans-Serifs.
  • Layout & Material: Viel Weißraum (Negative Space) ist essenziell. Texturen spielen eine wichtige Rolle: Designs wirken authentischer, wenn sie eine sichtbare Papierstruktur oder Körnung aufweisen, die das »Unperfekte« des Handwerks imitiert.
Japandi Style Grafikdesign

Industrial Style: Rohe Funktionalität

Ursprünglich aus der Nutzung alter Fabrikhallen als Wohnraum entstanden, zelebriert dieser Stil das Unverputzte. Sichtbeton, Ziegelwände, offenliegende Rohre und Metall bestimmen mehrheitlich die Optik. Es ist eine ehrliche, maskuline Ästhetik ohne Schnörkel.

Industrial Interieur Design

Der Transfer ins Grafikdesign:

  • Farben: Dunkle, entsättigte Töne dominieren – Anthrazit, Rostrot, Navy und metallische Nuancen wie Kupfer oder Messing.
  • Typografie: Hier passen kräftige »Stencil«-Schriften (Schablonenschrift), Condensed-Fonts oder klassische Grotesk-Schriften, die an Beschilderungen in Lagerhallen erinnern.
  • Layout & Material: Der Einsatz von »Grids« (Rastern) darf sichtbar sein. Grafische Elemente wie Linien, Rahmen oder technische Datenblätter unterstreichen den konstruierten Charakter. »Distressed«-Effekte, die Abnutzung simulieren, schaffen die Verbindung zur rauen Wand.
Industrial Style Grafikdesign

Memphis Design: Geordnetes Chaos

Als Gegenbewegung zum strengen Modernismus der 70er Jahre entstanden, bricht der Memphis-Stil (gegründet von der Memphis Group in Mailand) alle Regeln. Räume in diesem Stil sind laut, bunt und mischen geometrische Formen wild durcheinander.

Memphis Interieur Design

Der Transfer ins Grafikdesign:

  • Farben: Pastelltöne treffen auf knallige Primärfarben und Schwarz-Weiß-Kontraste. Es gibt keine Zurückhaltung.
  • Formen: Das markanteste Merkmal sind die grafischen Primitive: Dreiecke, Kreise, Wellenlinien (»Squiggles«) und gepunktete Raster, die oft scheinbar willkürlich im Layout schweben.
  • Layout: Symmetrie wird häufig vermieden. Elemente dürfen sich überlagern, anschneiden und bewusst »falsch« platziert wirken. Dieser Stil eignet sich besonders für Projekte, die Aufmerksamkeit erregen müssen, wie Event-Poster oder Packaging.
Memphis Style Grafikdesign

Mid-Century Modern Design: Zeitlose Geometrie

Dieser Stil der 1950er und 1960er Jahre steht für Optimismus und Funktionalität. Ikonische Möbelstücke (Eames, Jacobsen) prägen das Bild. Die Formsprache ist geometrisch, aber weicher als beim Bauhaus und wird darüber hinaus oft als »organische Geometrie« bezeichnet.

Mid-Century Modern Interieur Design

Der Transfer ins Grafikdesign:

  • Farben: Typisch sind »staubige« Töne wie Senfgelb, Olivgrün, Petrol und Altrosa, oft kombiniert mit dunklem Walnussholz-Braun.
  • Typografie: Geometrische Sans-Serifs (wie Futura oder Avant Garde) kommen häufig in Verbindung mit Mid-Century Modern zum Einsatz. Verspielte, handgezeichnete Schreibschriften lockern zudem das Bild auf.
  • Layout: Illustrationen im »Flat Design« ohne Schatten oder Verläufe sind charakteristisch. Formen wie Nieren, Sterne (»Atomic Age«) und Ovale bilden oft den Hintergrund für Texte.
Mid-Century Modern Grafikdesign

Grandmillennial / Maximalism Stil: Nostalgische Fülle

Eine Antwort auf den jahrelangen Minimalismus ist der »Grandmillennial«-Stil (eine Wortschöpfung aus »Grandma« und »Millennial«). Er zelebriert das sogenannte »Oma-Chic«: Blumenmuster, Rüschen, Samt und Porzellan, aber modern interpretiert. Es darf zudem voll und gemütlich sein.

Grandmillennial Interieur Design

Der Transfer ins Grafikdesign:

  • Farben: Satte Juwelentöne (Smaragdgrün, Rubinrot) oder weiche Pastell-Paletten mit viel Blau-Weiß (Chinoiserie).
  • Typografie: Verschnörkelte Serifenschriften und klassische Kalligrafie stehen im Vordergrund.
  • Layout & Material: »More is more«. Pattern-Clashing (das Mischen verschiedener Muster) ist erlaubt. Florale Elemente, Vignetten und Rahmen verleihen dem Design Historie. Haptisch passen dazu hochwertige Papiere mit Prägungen oder Goldfolien-Veredelung.
Grandmillennial Grafikdesign

Fazit

Die Grenzen zwischen den Disziplinen verschwimmen zunehmend. Für Grafikdesignerinnen und Grafikdesigner lohnt sich der Blick auf textile Trends, Möbelmessen und Wandfarben, um den Zeitgeist zu erfassen. Wer versteht, wie Menschen wohnen wollen, kann oftmals Designs entwickeln, die nicht nur auf dem Bildschirm funktionieren, sondern auch als physisches Objekt im Raum bestehen.

 

Quellen: 1), 2), 3), 4), 5), 6)